Interviews

„Zwei gute Ideen ergeben eine besondere“

Herr Dr. Pretterebner, gemeinsam mit Ihrem Kompagnon Wolfgang Anton haben Sie sich mit Ihrem Erfinder- wie auch Unternehmergeist einen Namen gemacht. Ein kurzer Rückblick: Welche erfinderisch-unternehmerischen Projekte würden Sie als Ihre wichtigsten benennen?

Wir haben zusammen als AP Systems wirklich einiges auf den Weg gebracht. Verschiedenste Mikrowellenbohrer gehören dazu, mit denen wir Steine erhitzt und anschließend mit Wasser besprenkelt haben, bis diese gesprungen sind. Diese Bohrer werden heute etwa bei Tunnelbohrungen eingesetzt. Wir haben eine kunstbeschichtete Holzpalette entwickelt, die sich immer wieder reinigen lässt und somit dem immensen Palettenverbrauch weltweit Einhalt gebieten kann. Dieser entsteht nämlich dadurch, dass Paletten nach zwei- bis dreimaligen Gebrauch schon aus hygienischen Gründen nicht mehr eingesetzt werden können. Wir haben eine Wassermatte erfunden, mit der man einen Rollrasen monatelang wässern und düngen kann, ohne Hand anzulegen, Drohnen, die als „fliegende Funktürme“ für Open-Air-Veranstaltungen eingesetzt werden können und gleichzeitig Blitzschutz bieten, sowie ein besonders kleines Röntgengerät, das gleichzeitige Operationen und Röntgenbestrahlungen ermöglicht. Unser bislang größter kommerzieller Erfolg aber ist bislang die Entwicklung von modular aufgebauten, intelligenten Batterien als Standard für Elektrofahrzeuge.

Gibt es bestimmte Prinzipien nach dem Ihre Erfindungen „funktionieren“?

Wolfgang Arnold und ich, wir sind beide Physiker, dadurch sind natürlich bestimmte Kompetenzen und Einsatzfelder vorgegeben. Bei mir kommt noch eine kaufmännische Ausbildung dazu, die, denke ich, für den Übergang von der Entwicklungsarbeit ins Geschäftliche von Vorteil ist. Hinzu kommt, dass wir uns in den vergangenen Jahren relativ intensiv mit den besonderen Eigenschaften einer ganzen Reihe von Materialien beschäftigt haben, insbesondere mit deren magnetischen Fähigkeiten. Wir haben da viel experimentiert. Im Übrigen haben wir, wenn Sie es so nennen wollen, tatsächlich eine Art von Erfolgsprinzip, das da lautet: Aus zwei guten Ideen entsteht eine wirklich besondere Idee. Und nach dieser besonderen Idee suchen wir.

Hinzu kommt als Voraussetzung für uns, dass neue Entwicklungen sich auch kommerzialisieren lassen. Nur eine „günstige“ und prinzipiell „einfach“ umzusetzende Erfindung ist eine auch gute, nutzbare Erfindung. Eine teure Erfindung nutzt keinem.

Sie sprachen von Ihrem besonderen Interesse an Materialien. Wann sind Sie das erste Mal auf Keramik gestoßen?

Mit speziellen Keramiken arbeiten wir in der Mikrowellentechnik schon seit dreißig Jahren. Hier haben wir es bei einigen Hochleistungskomponenten bis zur Marktführerschaft gebracht. Auch bei unseren modularen Autobatterien setzen wir Oxidkeramiken ein, denn diese müssen besonders verlustarm sein, damit die kostbare Energie im Inneren der Batterie nicht in Wärme umgewandelt wird, sondern dem Drehmoment zugutekommt.

Heute kommen in vielen Branchen immer mehr Kunststoffe zum Einsatz. Die Eigenschaften von Polymeren haben jedoch nur eine gewisse Spannbreite. Nur als Verbundstoffe, indem man sie beispielsweise mit Kohlefasern kombiniert, lässt sich das Spektrum ihrer Anwendungen erweitern. Über die Beimischung von Keramikpartikeln sind Sie in der Lage, ihnen vollkommen neue Eigenschaften zu geben. Sie hilft ihnen beispielsweise, aus einem mittelmäßigen und günstigen Stoff einen hervorragenden Stoff zu machen. Auch im Multimaterialdesign nimmt die Keramik eine immer größere Rolle ein: in ihren Eigenschaften als Wärmeableiter, wegen ihrer besonderen Härte, ihrer Verschleißfestigkeit, oder wegen ihrer magnetischen Wirkung. Die aus diesen Eigenschaften resultierenden Funktionen finden sich gegenwärtig in unterschiedlichsten Anwendungen wieder: im Einsatz als Schneidewerkzeug oder in der Verwendung als Oberflächenschutz, und sie haben – z. B. im Bereich von 3D-Druck oder als „durchsichtiges Aluminium“ – noch eine große Zukunft vor sich, da sind wir sicher.

auch bei ihrem aktuellen Projekt, der Entwicklung modularer, multifunktionaler Straßen, kommen Keramiken zum Einsatz…

Das ist richtig. Die Straßenlampen sind im Übrigen ein besonders treffendes Beispiel für unser Prinzip, zwei gute Ideen zu einer besonderen zu kombinieren. Die erste Idee: Wir wollen Straßenlampen als multifunktionale Einheiten ausbauen, die eben nicht nur Licht spenden, sondern darüber hinaus verschiedene Funktionen ausüben können: in diesem Fall die von Funktürmen oder auch von Kameraüberwachungssystemen. Die zweite Idee: Sie dienen der Region, in denen sie aufgestellt sind, über die Funkverbindung als Datenautobahn und können so für die Städte und Kommunen Einnahmen generieren, anstatt wie bisher über den Stromverbrauch nur Geld zu kosten.

Können Sie uns die grundlegende Idee Ihres aktuellen Projekts noch etwas genauer beschreiben?

Auch die Straßenlampen sind wie die intelligenten Batterien, die wir entwickelt haben, modular aufgebaut. Vorne sitzt ein Lichtmodul, das Modul in der Mitte kann verschieden besetzt werden, etwa mit einer Mobilfunkbasisstation oder mit einer Kamera mit Lautsprecher.

Die Idee, die dahintersteht, hat aber vor allem einen kommerziellen Hintergrund. Die Entwicklung neuer Mobilfunkstandards, jetzt von 4G nach 5G, erfordert eine immer höhere Dichte von Funkmasten. Solche Masten will aber eigentlich kein Mensch in seiner Nähe stehen haben, am wenigsten dort, wo er wohnt. Sie „verschandeln“ die Landschaft und senken beispielsweise die Preise für Wohneigentum im direkten Umkreis erheblich. Mit dem neuen 5G-Mobilfunkstandard benötigen wir also, um entsprechend die Funkdichte zu erhöhen, eine Vielzahl neuer, derart ungeliebter Masten. Die Entwicklung solcher neuen Straßenlampen, die gleichzeitig als Funkantennen fungieren, kommt dieser Situation optimal entgegen, zumal die vorhandenen Lampen relativ problemlos auf die neuen Systeme umrüstbar sind.

Und welche Rolle spielt jetzt die Keramik dabei?

Eine sehr zentrale. Denn eines unserer Probleme war es, aus diesen modularen Straßenlampen die Wärme rauszuleiten und sie gleichzeitig durchlässig für die Funkverbindungen zu machen. Mit Metallen funktioniert das nicht, man gelangt so von innen nicht nach außen. Mit dem Einsatz von Keramikpartikel haben wir dieses Problem lösen können.

Die Verknüpfung von Erfinder- und Unternehmergeist: Wie sieht das bei Ihnen im praktischen Geschäftsleben aus?

Wir bilden innerhalb unseres Unternehmens AP Systems eine wirklich große Spannbreite ab. Wir bauen Modelle, simulieren Abläufe unter realen thermischen, elektrischen oder mechanischen Voraussetzungen, treiben die Entwicklungen für uns bis zur endgültigen Produktreife. Dann halten wir nach Partnern Ausschau, machen die ersten Schritte gemeinsam und vollziehen dann den Exit. Das ist ganz wichtig. Sie müssen ab einem bestimmten Punkt auch loslassen können, bestehende Projekte abgeben, um sich dann mit neuer Energie neuen Projekten widmen zu können.

Als Erfinder, als Unternehmer: Was ist Ihnen sonst noch wichtig?

Es gibt neben der Physik und dem Geschäft noch etwas anderes, was für Wolfgang Arnold und mich von grundlegender Bedeutung ist, nennen wir es unseren „humanistischen Standpunkt“. Wir möchten nämlich, dass unsere Erfindungen und Innovation nutzbringend sind – und dies weit über die kommerzielle Nutzung hinaus. So liegt uns beispielsweise die Medizintechnik besonders am Herzen, weil wir hier die Möglichkeiten haben, beispielsweise Entwicklungen in der Krebstherapie voranzutreiben. Auch der Entwicklung der neuen Straßenlampen liegt ein positiver, „humanistischer“ Effekt zugrunde. Wenn diese demnächst zur Serienreife gelangen, können sie nicht nur klammen Kommunen und Städten helfen, Einnahmen zu generieren, indem man seinen Bewohnern Datenautobahnen zur Verfügung stellt. Sie schaffen vor allem in ärmeren Regionen Möglichkeiten, sich an Funkstandards nach aktuellem Standard anzuschließen und auf diese Weise etwa von den Chancen und Vorteilen zu profitieren, die Internetverbindungen beispielsweise im Bildungssektor zur Verfügung stellen.

Erfinder und Unternehmer, Physiker, Kaufmann und Materialwissenschaftler:
Julius Pretterebner kombiniert gute Ideen zu außergewöhnlichen Erfindungen. Eine besondere Rolle spielt dabei der Einsatz von Keramik.